Therapie: der einzige Weg für Pädophile?

„Der gehört in Therapie.“ So etwas hört man sehr oft, wenn über pädophile Menschen gesprochen wird. Doch ist eine Therapie in jedem Fall wirklich notwendig? Und was für ein Ziel verfolgt eine Therapie überhaupt?

Das Wichtigste zuerst: in Therapien geht es nicht darum, die Pädophilie zu „heilen“. Eine pädophile Neigung ist ebenso wenig veränderbar wie eine heterosexuelle Neigung etwa auch. Das Ziel ist es also nicht, Kinder nicht mehr attraktiv zu finden oder keine sexuellen Fantasien mit ihnen mehr zu haben. Genauso wenig geht es darum, pauschal jeglichen Kontakt zu Kindern vollständig zu vermeiden.

Das Ziel von Therapien

Wenn es also nicht darum geht, die Neigung an sich zu ändern, worum geht es in einer Therapie dann? In der Regel verfolgt eine Therapie für pädophile Menschen drei Ziele.

  1. Straftaten verhindern
    Als erstes Ziel einer Therapie für pädophile Menschen wird meistens die Prävention von sexuellen Übergriffen auf Kinder genannt. Es geht also darum, zukünftigen sexuellen Missbrauch an Kindern oder den Konsum von Missbrauchsabbildungen (Kinderpornografie) zu verhindern.
  2. Sich selber so akzeptieren, wie man ist
    Da man nicht ändern kann, dass man pädophil ist, muss man lernen, damit umzugehen. Für viele pädophile Menschen ist es erst einmal ein schwerer Schock festzustellen, dass sie sich zu Kindern hingezogen fühlen. Viele hassen sich regelrecht dafür und ekeln sich vor sich selbst. Das kann schwere psychische Probleme wie etwa Depressionen oder Selbstmordgedanken auslösen und zu schädlichen Bewältigungsstrategien wie Alkohol- oder Drogensüchten führen. Daher ist es wichtig zu lernen, die eigenen Präferenzen zu akzeptieren, ohne sich dafür zu verurteilen.
  3. Umgang mit den Folgen der Stigmatisierung
    Für viele pädophile Menschen ist der stigmatisierende Umgang mit Pädophilie in der Gesellschaft besonders belastend. Daraus entstehen oft Einsamkeit und existenzielle Ängste, beispielsweise vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder Verurteilung durch Freunde oder der Familie bei Bekanntwerden der Neigung. Gerade diese Probleme entstehen aber nicht aus den Gefühlen für Kinder, sondern daraus, dass wir dafür pauschal verurteilt werden.

Für wen ist eine Therapie hilfreich?

Grundsätzlich gilt: nicht jeder pädophile Mensch benötigt eine Therapie.

Insbesondere braucht nicht jeder eine Therapie, um keine Kinder zu missbrauchen. Für die meisten Menschen ist es ein absurder Gedanke, einen anderen Menschen zu missbrauchen. Empathie, Selbstreflexion und grundlegende Menschlichkeit sprechen dem fundamental entgegen. Das ist für pädophile Menschen nicht anders. Wir sind auch Menschen und müssen uns diese Empathie nicht erst mühsam erarbeiten.

Das Problem mit der Aussage, dass jeder pädophile Mensch eine Therapie braucht, um nicht übergriffig zu werden, ist Folgendes: Sie erweckt den Eindruck, pädophile Menschen seien ausnahmslos tickende Zeitbomben und würden nicht von alleine verstehen, welche Auswirkungen das Umsetzen der sexuellen Fantasien für ein Kind haben kann. Die Aussage ist also klar: als pädophiler Mensch missbraucht man zwangsläufig irgendwann ein Kind, wenn man nicht in der Therapie rechtzeitig „entschärft“ wird.

Damit wird uns alleine aufgrund unserer Neigung kollektiv unterstellt, eine Gefahr für Kinder zu sein. Dies empfinden wir als äußerst unfair und verletzend, und sie tut dem Großteil von uns unrecht.

Genauso wie ein durchschnittlicher heterosexueller Mann keine Therapie braucht, um keine Frauen zu vergewaltigen, brauchen wir diese nicht, um keine Kinder zu vergewaltigen. Wir wollen Kindern kein Leid zufügen, wissen aber, dass wir dieses Risiko mit sexuellen Handlungen eingehen würden. Deshalb fällt es uns nicht schwer, diesen Teil unserer Neigung mit uns allein auszuleben, ohne dass Kinder beteiligt sind.

Aber grundsätzlich kann man das natürlich auch nicht auf jeden einzelnen pädophilen Menschen übertragen. Eine therapeutische Behandlung kann zum Beispiel erforderlich und hilfreich für pädophile Menschen sein, die an einer Impulskontrollstörung, erhöhter Libido oder anderen psychischen oder neurologischen Problemen leiden. Genauso kann eine Therapie für Menschen wichtig sein, die Schwierigkeiten damit haben, ihr Handeln zu reflektieren oder sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Darüber hinaus ist therapeutische Unterstützung auch für pädophile Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, sich selber zu akzeptieren oder unter dem Stigma der Gesellschaft leiden sehr wertvoll. Hier kann professionelle Hilfe dazu betragen, besser mit sich umgehen zu lernen und ein zufriedeneres Leben führen zu können.

Selbst dann dauert eine Therapie aber auch nicht ein Leben lang an, sondern höchstens wenige Jahre. Danach muss man wieder alleine zurechtkommen. Therapie ist also kein Wundermittel, sondern eher ein Werkzeug um Menschen beim alltäglichen Umgang mit ihrer Sexualität zu unterstützen.

Und was ist mit Medikamenten?

Eine besondere Form der Behandlung stellen triebhemmende Medikamenten dar, welche bei einer erhöhten Libido eingesetzt werden können. Der Extremfall davon ist die chemische Kastration, die das sexuelle Verlangen fast komplett auf null reduziert. Das Ziel so einer Behandlung ist es meistens, als belastend empfundene sexuelle Fantasien zeitweise abzuschwächen und den Kopf somit für andere Aspekte einer therapeutischen Behandlung freizubekommen.

Medikamente klingen also zunächst einmal nach einer einfachen Lösung des Problems: man bekommt eine Spritze und die sexuellen Präferenzen sind weg. In der Realität ist es aber nicht ganz so einfach. So eliminieren Medikamente die Fantasien nicht vollständig, sondern reduzieren nur deren Intensität – man muss also immer noch einen grundsätzlichen Umgang damit finden. Anzumerken ist außerdem, dass Medikamente nicht nur die sexuellen Fantasien mit Kindern reduzieren, sondern auch die Beziehungsfähigkeit mit erwachsenen Menschen negativ beeinflussen kann. Zudem ist die Einnahme meist mit starken Nebenwirkungen und potenziellen Langzeitschäden verbunden und deshalb immer nur eine vorübergehende Lösung. Dazu kommt, dass Medikamente überhaupt nur für Männer eine Option sind, da derartige Mittel für Frauen nicht verfügbar sind.

Genauso wie nicht jeder pädophile Mensch eine Therapie braucht, müssen die wenigsten pädophilen Menschen Medikamente einnehmen. Außerdem kann eine derart einschneidende Behandlung nur auf freiwilliger Basis stattfinden. Auf lange Sicht ist der einzig vernünftige Weg, mit seiner Neigung umzugehen daher, sie zu akzeptieren. Und dafür reichen Medikamente alleine nicht aus, sondern sollten immer noch mit einer psychotherapeutischen Behandlung verbunden werden.